Gastbeitrag Spuren der Gewalt in der Genetik

Spuren der Gewalt

Die kranken Kinder des Genozids

Stress, Hunger und Gewalt können Narben in den Genen hinterlassen, die wahscheinlich an kommende Generationen weitergegeben werden. (Foto: Thomas Cristofoletti / Ruom)

Ungewöhnlich viele jüngere Menschen in Kambodscha leiden an chronischen Erkrankungen wie Diabetes. Ein Befund, der zeigt: Die Gewalterfahrungen haben Spuren im Erbgut hinterlassen.

 

Von Hanno Charisius, Siem Reap

Ros Mom trägt Socken an diesem heißen Tag. Niemand soll ihre bloßen Füße sehen, während sie auf dem Bett in ihrer Wellblechhütte sitzt, in einem kleinen Dorf bei Siem Reap, im Nordwesten Kambodschas. Ros Mom wohnt unweit der Tempelruine Angkor Wat, doch von dem Geld, das die zwei Millionen ausländischen Touristen pro Jahr ins Land bringen, merkt man hier im Dschungel wenig. Die Straßen um die Tempel sind asphaltiert, zu Ros Moms Hütte führt nur ein lehmiger Pfad. Vor ein paar Monaten fraß sich ein Geschwür in ihren linken Fuß, weil sie kein Geld hatte, um Insulin zu kaufen, zur Behandlung ihres Typ-2-Diabetes.

 

25 Dollar kostet die Monatsration des lebenswichtigen Medikaments, erzählt die Mutter von vier Kindern, während ein alter Ventilator langsam quietschend die heiße Luft unter dem Wellblech ihrer Hütte quirlt. Erst als das Geschwür entstand, ging sie wieder in die Klinik der kambodschanischen Diabetes-Gesellschaft CDA, zu ihrem Arzt Lim Keuky.

 

Das Gebäude des Mediziners liegt in einer schlammigen Seitenstraße von Siem Reap. Von hier aus führt der 80 Jahre alte Endokrinologe seinen Kampf gegen Übergewicht, Diabetes und die Last der Vergangenheit. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden etwa sechs Prozent der 16,6 Millionen Kambodschaner an Diabetes, davon rund 90 Prozent am Typ 2. Im weltweiten Vergleich erscheint die Zahl nicht dramatisch, doch die rasante Zunahme vor allem an jungen Patienten ist das, was Lim Keuky bestürzt. In anderen Erdteilen ist der typische Typ-2-Diabetiker alt, übergewichtig und bewegt sich nicht genug. In die Klinik am Rande Siem Reaps kommen zunehmend normalgewichtige Mitte-dreißig-Jährige, deren Körper den Zuckerhaushalt nicht mehr allein regulieren kann.

 

Die meisten dieser Patienten kamen zur Welt, als in Kambodscha die Roten Khmer regierten und Millionen Menschen hungern ließen, folterten, töteten. „Das Regime der Roten Khmer war kurz – aber lang genug, um generationenübergreifenden Schaden anzurichten“, sagt Lim Keuky. Und nicht nur in seinen Augen hängen die schrecklichen Erfahrungen unter dem Regime Pol Pots mit den Leiden seiner Patienten zusammen.

Seit einigen Jahren diskutieren Biochemiker im neuen Forschungsfeld der Epigenetik, wie die Umwelt Einfluss auf die molekulare Biologie eines Menschen ausüben kann. Hunger, Stress und Gewalt scheinen zu verändern, wie die Zellen den DNA-Code der Gene interpretieren und hinterlassen so Spuren im Erbgut. Die Münchner Medizinerin und Neurowissenschaftlerin Elisabeth Binder, heute Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, konnte vor einigen Jahren zeigen, dass Menschen, die in früher Kindheit traumatisiert wurden, dieses Trauma auch später im Leben noch immer wie Narben am Erbgut in ihren Zellen tragen.

 

Wahrscheinlich werden einige dieser epigenetischen Veränderungen sogar an die nächste Generation weiter gegeben. Für Binder steht deshalb außer Frage, dass die Wechselwirkung zwischen Erbgut und Umwelt viel stärker berücksichtigt werden sollte, nicht nur in Kambodscha, sondern zum Beispiel auch bei der medizinischen und psychologischen Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland. In Siem Reap reicht Lim Keuky zur Begrüßung die Hand, statt die beiden Handflächen vor dem Oberkörper aneinanderzulegen, wie es in seiner Heimat üblich ist. Er kennt westliche Gepflogenheiten, hat in den USA und Frankreich studiert. Erst bespricht er noch den Rest des Tages mit seinen Mitarbeitern, dann setzt er sich, blickt einen Moment ins Leere und sagt: „Ich bin hier, um Leben zu retten.“

 

Einflüsse aus der Umwelt können steuern, welche Erbanlagen aktiv werden

Im Jahr 2010 hat der Mediziner die Klinik in Siem Reap gegründet. 1200 Diabetes-Patienten behandeln er und seine zwei Kollegen, mehr schaffen sie nicht. Ihr Arbeitsplatz besteht im Wesentlichen aus einem großen Raum, Sprech- und Behandlungszimmer sind durch Regale und Vorhänge abgetrennt. Nur die Toilette und der klimatisierte Raum mit den Medikamenten haben eine Tür. Es ist neun Uhr morgens, und die ersten 20 Patienten sind schon wieder auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Die meisten kommen nicht allein zur Untersuchung, sondern bringen Verwandte mit. Schnell stehen Ärzte, Patienten und Angehörige Schulter an Schulter im Raum.

 

Noch immer hat sich das Land nicht erholt von den Schrecken der Roten Khmer.

 

Am 17. April 1975 marschierten sie in die Hauptstadt Phnom Penh ein, die Guerillabewegung wollte den Kommunismus nach Kambodscha bringen. Zwei Tage später begannen die Soldaten, die Stadtbewohner aufs Land zu deportieren, wo sie Reis anbauen sollten. Die Hauptstadt war innerhalb von 24 Stunden fast menschenleer. Viele Menschen wurden verhaftet, ohne je den Grund dafür zu erfahren. Für die Soldaten genügte die angeordnete Verhaftung einer Person als Schuldbeweis. Die Roten Khmer brachten gezielt die Gebildeten um, Erfahrung und Wissen galten dem „Bruder Nummer 1“ Pol Pot nichts, für ihn zählte allein die Willenskraft des Volkes.

 

Lim Keuky konnte das Land damals noch verlassen, bevor das Morden begann. Als er zurückkehrte waren 42 Mitglieder seiner Familie tot. Drei Jahre, acht Monate und 20 Tage wütete das Regime Pol Pots. Allein in dieser kurzen Zeit starben zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Menschen, genauere Zahlen gibt es nicht, obwohl die Roten Khmer akribisch Buch führten über die Menschen, die sie in ihren Vernichtungslagern auslöschten. Die Menschen, die vor Entkräftung auf den Feldern starben oder verhungerten, sind ungezählt.

 

 

14. April 2014, Genetik

Traumatische Erlebnisse prägen das Erbgut

Depression und Trauma werden häufig an die nächsten Generationen weitergegeben, auch wenn sie zunächst nicht genetisch sind. Über soziale Prägung also? Forscher haben nun herausgefunden, dass Erlebnisse auch die Gene verändern können.

 

Von Werner Bartens

Angeboren oder erworben? Die Diskussion ist uralt, wenn Forscher darüber streiten, was prägender für Persönlichkeit, Charakter oder Krankheitsneigung ist. „Kann man sagen, was stärker zu einem Rechteck beiträgt, die Längs- oder die Querseite?“, antwortet der kanadische Neurobiologe Michael Meaney mit einer klugen Gegenfrage, wenn er auf die sogenannte Nature-or-Nurture-Debatte angesprochen wird und sich festlegen soll. In der Frage, ob denn nun die Natur, also in erster Linie die Gene, oder die Umwelt, also Erziehung und Sozialisation, stärker zu den Eigenarten des Menschen beitragen.

 

Wissenschaftler haben längst erkannt: Es geht nicht um eine Entweder-oder-Entscheidung, sondern um ein Sowohl-als-auch. Und: Erfahrungen können sogar so prägend sein, dass sie sich dauerhaft im Erbgut festsetzen und an die folgende Generation weitergegeben werden. Epigenetik heißt der Vorgang, wenn die erworbene Eigenschaft der Eltern beim Nachwuchs zu einer angeborenen wird. Neurobiologen von der ETH Zürich entschlüsseln im Fachblatt Nature Neuroscience, das an diesem Montag erscheint, nun den molekularen Mechanismus, der dies ermöglicht. Das Team um Isabelle Mansuy hatte sich gefragt, wie traumatische Erfahrungen, aber auch Depressionen an die nächste Generation weitergegeben werden. „Es gibt ja bipolare Störungen und andere psychische Leiden, die in Familien gehäuft vorkommen, ohne dass sie auf bestimmte Genmuster zurückgeführt werden können“, sagt Mansuy.

 

Schlechte Erfahrungen hinterlassen Spuren im Körper

Die Forscher entdeckten, dass extremer Stress, feindliche Lebensumstände und Traumatisierungen die Regulation in der Zelle beeinträchtigen. Ein Übermaß an kurzen RNA-Molekülen, den wohl wichtigsten Substanzen für die Umsetzung der genetischen Information, bringt in der Folge nicht nur das zelluläre Gleichgewicht durcheinander, sondern führt auch zu Veränderungen der Nervenfunktion und anderen Störungen. „Schlechte Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn, in den Organen und Keimzellen“, sagt Mansuy. „Über die Keimzellen werden diese dann weitervererbt.“

 

Forscher haben eindrucksvolle Beispiele dafür gefunden, dass Mensch wie Tier prägende Lebensumstände ins Erbgut integrieren. Glattechsen, die häufig den Geruch von Schlangen wahrgenommen haben, bekommen beispielsweise größeren und stärkeren Nachwuchs, der dann seltener Schlangen zum Opfer fällt. Und Kinder von Überlebenden des holländischen Hungerwinters 1944/45 kamen klein und mit niedrigem Gewicht zur Welt, erwiesen sich aber als zäh. Später bekamen sie häufiger Diabetes und Infarkt, weil sie die genetische Prägung mitbekommen hatten, aus wenig Essen viel Nahrhaftes zu mobilisieren. Was im Mangel ein Überlebensvorteil war, wurde in Zeiten des Überflusses zur Bedrohung.

 

Ärzte für Psychosomatik vermuten angesichts der vielen neurobiologischen Befunde, die molekulare Hintergründe für Leid und Not ihrer Patienten aufzeigen, fast so etwas wie eine „psychosomatische Genetik“. Das heißt aber nicht, dass Depression und Trauma nur neurobiologisch, sprich: pharmakologisch behandelt werden können – sondern auch: psychotherapeutisch.

 

30. Juni 2017, Spuren der Gewalt

Ungeborene reagieren empfindlich auf Signale aus der Umwelt

Mit Blick auf diese Vergangenheit legt Lim Keuky für jeden neuen Patienten eine Mappe an und zeichnet vorne einen Stammbaum des Erkrankten hinein. Er will wissen, wie die Großeltern lebten, was die Eltern unter den Roten Khmer erdulden mussten, ob sie gehungert haben oder gefoltert wurden. Das Schicksal der Ahnen des Patienten verrät dem Arzt etwas über dessen Diabetesrisiko.

 

Stress und Hunger haben offensichtlich einen Einfluss auf die Krankheitsgefahr, indem sie beeinflussen, wie Zellen den DNA-Code der Gene ablesen. Besonders empfindlich reagieren Embryonen und Föten auf solche Botschaften aus der Umwelt, die sie im Mutterleib erhalten.

 

Damit aus einer einzigen Zelle ein Mensch mit seinen verschiedenen Organen erwachsen kann, schalten chemische Markierungen an der DNA die notwendigen Gene je nach Gewebetyp an oder ab (siehe Grafik). Keine Zelle benutzt wirklich alle Gene, die in ihrem Genom gespeichert sind. Eine Nervenzelle verwendet andere als eine Hautzelle. Dieselben Mechanismen scheinen jedoch auch eine Art biochemische Kommunikation zwischen verschiedenen Generationen zu erlauben. Eltern können also mit ihren Lebenserfahrungen die Gesundheit ihrer Kinder molekularbiologisch beeinflussen.

Das gesamte Erbgut steckt im Zellkern.

Das Erbgut liegt aufgerollt in den Chromosomen.

Dabei ist der Erbgutfaden (DNA) auf einer Art Garnrolle (Histon-Proteine) aufgewickelt. Normalerweise werden DNA-Abschnitte von der Garnrolle abgewickelt, damit die Zelle die genetische Information ablesen kann, z. B. Baupläne für Proteine.

Manchmal jedoch verhindern chemische Marker das Abwickeln der DNA von der Garnrolle und die genetische Information kann nicht abgelesen werden. Die im Erbgut gespeicherte genetische Information bleibt dadurch unverändert, es ändert sich nur die Art und Weise, wie die Zelle sie abliest. Umwelteinflüsse wie Nahrungsmangel, Alkohol, Zigaretten, Gewalt und Stress können solche chemischen Markierungen an beiden Bereichen anbringen. Im Erbgut werden einige Bereiche bevorzugt methyliert, etwa solche, in denen bestimmte DNA-Bausteine (C + G) häufig vorkommen.

 

Oder die abgewickelten DNA-Abschnitte werden durch chemische Marker zum Schweigen gebracht. Im einfachsten Falle benutzt die Zelle Methyl-Gruppen als Marker, einfache chemische Verbindungen aus einem Kohlenstoff- und drei Wasserstoffatomen. Die im Erbgut gespeicherte genetische Information bleibt dadurch unverändert, es ändert sich nur die Art und Weise, wie die Zelle sie abliest. Umwelteinflüsse wie Nahrungsmangel, Alkohol, Zigaretten, Gewalt und Stress können solche chemischen Markierungen an beiden Bereichen anbringen. Im Erbgut werden einige Bereiche bevorzugt methyliert, etwa solche, in denen bestimmte DNA-Bausteine (C + G) häufig vorkommen.SZ-Grafik: Dalila Keller; Quelle: SZ-Recherche

Bekommt die Mutter zum Beispiel während der Schwangerschaft zu wenig Nahrung, lernt der Körper des ungeborenen Kindes, sich auf schlechte Zeiten einzustellen. Er wird nach der Geburt besonders sparsam mit Nahrungsenergie umgehen. In Zeiten des Mangels ist das ein raffiniertes Überlebensprogramm. Doch wenn die Zeit des Hungerns nach der Geburt vorbei ist, wenn das Kind essen kann, so viel es will, bekommt der Körper im Sparmodus soviel überschüssige Energie zugetragen, dass er krank werden kann: Übergewicht, Herz-Kreislaufprobleme, Diabetes können entstehen.

 

Auch Stress und Gewalt ändern die Aktivität mancher Genabschnitte und hinterlassen so Spuren im Erbgut. Es kann zu epigenetischen Veränderungen an einem Gen kommen, das steuert, wie ein Mensch auf Stress reagiert. In einigen Fällen führen diese biochemischen Narben am Erbgut dazu, dass die früh Traumatisierten später im Leben ein erhöhtes Risiko haben, an einer Depression oder einem posttraumatischen Belastungssyndrom zu erkranken. Sogar wenn der Vater oder die Mutter weit vor der Zeugung eines Kindes traumatisiert wurden, lässt sich das anhand der epigenetischen Veränderungen am Erbgut des Nachwuchses nachweisen.

 

Viele Patienten von Lim Keuky hatten vor ihrer Diagnose noch nie von Typ-2-Diabetes gehört. Auch das öffentliche Gesundheitssystem ist bislang nicht auf die Zuckerkrankheit eingestellt. In den letzten Jahrzehnten hat die Regierung zwar erfolgreich die Kindersterblichkeit reduziert und Infektionskrankheiten wie HIV bekämpft. Das Ausmaß des Diabetesproblems legte aber erst eine WHO-Studie im Jahr 2007 offen.

 

Zu diesem Zeitpunkt erfuhr auch Ros Mom, dass sie an Diabetes leidet. Dem ersten Befund in einer staatlichen Klinik traute sie nicht, sie fuhr über 300 Kilometer weit nach Phnom Penh, um in einer weiteren Klinik die Diagnose bestätigen zu lassen. Groß ist das Misstrauen vieler Kambodschaner gegenüber offiziellen Einrichtungen, vielleicht ist auch das noch ein Vermächtnis der Roten Khmer.

 

Ros Mom hatte einen Zuckerwert von 300 im Blut, bei einem Gesunden sollte er nach einer Mahlzeit bei 140 liegen. Ist dauerhaft zu viel Zucker im Blut, verschlechtert sich die Durchblutung, Nervenbahnen und die Niere können zerstört werden, oft entstehen an den Füßen große Wunden, die nicht verheilen. Gleich am Eingang der Klink in Siem Reap zeigt ein Poster, welche grausamen Ausmaße das diabetische Fußsyndrom annehmen kann: Das Fleisch der auf den Fotos gezeigten Füße ist bis zum Knochen weggefault, oft bleibt in solchen Fällen nur die Amputation. Zu Lim Keuky kam Ros Mom durch die Empfehlung einer Bekannten. Jetzt ist sie dort in Behandlung, sie erinnert sich noch, wie unangenehm es ihr war, als der alte Arzt ihr die Füße wusch. Eine Behandlung in der Privatklinik kann sie sich eigentlich nicht leisten. Das Diabeteszentrum in Siem Reap lebt zwar nur von dem, was die Patienten freiwillig geben, und „wenn sie nichts geben können, ist das auch in Ordnung“, sagt Lim Keuky. Für die Medikamente müssen die Patienten allerdings bezahlen. In einer öffentlichen Einrichtung würden Kambodschaner mit einer eigenen Ausweiskarte für Arme die Medikamente kostenlos bekommen.

 

Trotzdem kommen mehr Patienten hierher, als der Endokrinologe und seine zwei Kollegen versorgen können. Mehr Ärzte konnte Lim Keuky bislang nicht dafür gewinnen, mit ihm in Siem Reap zu arbeiten. „Hier muss man sich selbst aufopfern. Man hat kaum ein Privatleben.“ Zumal ist das Einkommen von Ärzten so gering, dass viele nur mit Zusatzverdiensten über die Runden kommen. Manche betreiben etwas Landwirtschaft nebenbei, haben vielleicht ein kleines Reisfeld und zwei Wasserbüffel. Die meisten bieten am Nachmittag Sprechstunden für Privatpatienten an.

„Jetzt kommen auf Kambodscha große Probleme mit den chronischen Krankheiten zu“

Öffentliche Gesundheitszentren haben deshalb oft nur von sieben oder acht Uhr morgens bis mittags geöffnet. Im Sommer ist es um zehn Uhr morgens bereits so heiß, dass man das Haus nicht verlassen mag, schon gar nicht mit einem Kind. Manche Patienten müssen auch in den kühlen Morgenstunden arbeiten und werden daher zu Privatpatienten.

 

Bei allen Qualen und Problemen ist Ros Moms Krankengeschichte ein seltener Erfolg, der jäh enden könnte, wenn sie sich wieder einmal die Medikamente nicht leisten kann. Nach Angaben der kambodschanischen Nichtregierungsorganisation Mopotsyo leben in Kambodscha die meisten Diabetiker nicht lange. Bei einer untersuchten Gruppe von 500 Diabetikern lag die durchschnittliche Lebensspanne nach der Diagnose bei vier Jahren. Nur einer von zehn überlebt mehr als ein Jahrzehnt mit der Krankheit.

 

Die hohe Todesrate hängt auch damit zusammen, dass die Betroffenen die Krankheit oft nicht bemerken – oder erst sehr spät. Die Patienten würden die frühen Symptome wie Durst, Hunger, Müdigkeit oder ein taubes Gefühl in Händen oder Füßen oft übersehen, sagt Lim Keuky. „Ohne rechtzeitige Behandlung sterben sie.“

Freiwillige Helfer gehen in den Dörfern von Tür zu Tür, testen Blutzucker, klären auf.

Auf halber Strecke zwischen Siem Reap und Phnom Penh liegt die Provinz Kampong Thom, in der gleichnamigen Stadt sitzt die Bezirksregierung. Dort hat Tuot Bunnareth sein Büro und versucht, zusammen mit der lokalen Regierung, ein Gesundheitssystem aufzubauen, das auch arme Menschen auffängt, wenn sie krank werden. „Die meisten dieser Toten wären vermeidbar“, sagt der Arzt, der für die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ arbeitet.

 

Diese unterstützt auch die Patientenorganisation Mopotsyo, die Diabetiker trainiert, ihr Wissen in Dörfern und Gemeinden weiterzugeben. Sie ziehen von Haus zu Haus, erklären die Krankheit und bieten einen Zuckertest an. „So können wir Diabetes erkennen, bevor er bleibenden Schaden angerichtet hat“, sagt Chum Yim, die für Mopotsyo arbeitet. Und sie freut sich über das kleine Zusatzeinkommen.

 

Von den etwa 60 Cent, die der Test an der Haustür kostet, dürfen die Berater einen Teil behalten, der Rest geht an Mopotsyo. „Es hat in Deutschland für viele einen schlechten Beigeschmack, wenn Helfer für ihre Arbeit bezahlt werden, und es nicht nur aus Idealismus machen“, sagt Bernd Appelt, der die GIZ-Projekte zum sozialen Gesundheitsschutz in Kambodscha leitet. Er sieht darin ein sehr effizientes System, um mit geringen Ressourcen in kurzer Zeit einen möglichst großen Teil der Bevölkerung zu erreichen.

 

Zeigt der Zuckertest einen kritischen Wert an, empfehlen die freiwilligen Berater den Betroffenen einen Besuch im nächsten Gesundheitszentrum oder Krankenhaus. Im Baray Santuk Referral Hospital nahe Kampong Thom ist zum Beispiel jeden Samstag Diabetessprechstunde für die Patienten aus den Dörfern. Drei Ärzte sitzen dann in einem kleinen Seitengebäude und kümmern sich um die externen Patienten. „Zu jedem Termin kommen etwa 100 Erkrankte“, sagt der Chirurg Meas Viwath, einer von zehn Ärzten, die im Krankenhaus arbeiten.

 

Seit der alte Klinikdirektor in Rente ist und ein neuer die Aufgaben übernommen hat, haben die Menschen Vertrauen gefasst. Nicht nur zur Diabetesberatung kommen sie, „die Belegzahlen steigen insgesamt“, sagt Tuot Bunnareth der die Klinikleitung unterstützt. 55 Betten hat das Krankenhaus, „selten steht eines leer“, sagt Meas Viwath. Es gibt jetzt auch eine Notaufnahme, die permanent geöffnet ist.

 

Die Probleme des Gesundheitssystems mögen speziell sein in Kambodscha, die Entwicklung der Diabeteszahlen könnte andere Länder jedoch warnen. Die Bekämpfung der Infektionskrankheiten habe gut geklappt, sagt Tuot Bunnareth. „Jetzt kommen auf Kambodscha große Probleme mit den chronischen Krankheiten zu.“ Die töten weniger auffällig als Infektionen, verursachen aber riesige wirtschaftliche Schäden. Nahezu alle Länder, in denen sich erster Wohlstand entwickelt, geraten in diese Phase. „Diabetes ist im gesamten südostasiatischen Raum ein Problem“, sagt Lim Keuky.

 

Dass der Anstieg der Fallzahlen in Kambodscha aber wahrscheinlich nicht nur ein Wohlstandseffekt ist, zeigen ältere Untersuchungen aus Indien. In ländlichen Regionen herrschte dort lange Hunger. Unterernährte Mütter brachten Kinder zur Welt, deren Körper Energie schnell in Fett umwandelt. Zogen sie in die Stadt, wo es Nahrung im Überfluss gab, hatten sie ein höheres Risiko, Übergewicht und Diabetes zu entwickeln, als Kinder, die in der Stadt geboren wurden. Auch das gilt als Hinweis auf epigenetische Effekte, die bei Kindern hungernder Mutter langfristig wirken.

 

Elf Flugstunden von der Diabetesklinik in Siem Reap entfernt arbeitet Elisabeth Binder am Münchner Max-Planck-Institut an der Frage, welche genetischen und epigenetischen Mechanismus zur Entstehung von Krankheiten führen. Außer Veränderungen in der Umwelt gebe es zurzeit keine Möglichkeit zu verhindern, dass die biologischen Effekte von Gewalterfahrungen, Armut und Hunger an die nächste Generation weitergegeben werden, sagt die Medizinerin. Damit meint sie zum Beispiel therapeutische Arbeit mit Traumatisierten und ein Leben in einer friedlichen Umgebung ohne neue Gewalterfahrungen. Durch Medikamente lassen sich die chemischen Markierungen auf dem Erbgut heute noch nicht gezielt beeinflussen, um die Spuren der Vergangenheit zu verwischen.

 

Das bedeutet aber nicht, dass Ärzte und Patienten diesen Effekten nichts entgegensetzen können. Obwohl das epigenetische Programm mindestens einer Generation von Kambodschanern durcheinandergeraten ist, ließen sich die meisten Diabetesfälle verhindern. Die Anfälligen müssten nur ihr Verhalten anpassen, wie Lim Keuky seinen Patienten immer erklärt. Eines seiner Werkzeuge im Kampf gegen Diabetes sind deshalb Tausende Schulhefte, auf deren Umschläge der Mediziner Empfehlungen gegen Diabetes als Comics drucken ließ. „Beweg dich mehr, iss weniger. Hör auf das, was der Arzt dir sagt“, lautet der letzte Tipp in den Schulheften. Manchmal ist es so einfach.

 

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des European Journalism Centre über dessen Global Health Journalism Grant Programme umgesetzt. Die weiteren Artikel der Serie finden Sie online: sz.de/spurendergewalt

24. Juni 2017, Spuren der Gewalt

Auf den Spuren eines grausamen Bürgerkriegs

Nach 50 Jahren Terror und Gewalt in Kolumbien herrscht endlich Waffenstillstand. Unterwegs im Hinterland, wo die Wunden der Menschen langsam heilen.

 

Reportage von Astrid Viciano, Granada

Zwei lange Tage und eine Nacht verkriecht sich Alba Mendivelso unter dem Tisch im Wohnzimmer, mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter. Der Vater hat noch zwei Matratzen über die Tischplatte gestülpt – zum Schutz vor den Gewehrkugeln und Bombensplittern. Es ist Juli, drückend heiß, eng und laut, die kleine Schwester brüllt, bis sie die Kräfte verlassen. Die Familie isst Reis und trinkt Zuckerwasser, bis ihr am zweiten Tag das Essen ausgeht, die Guerillakämpfer mit ihren Schnellfeuerwaffen stehen vor der Haustür, ein Militärflugzeug kreist über dem Dorf.

 

Der Vater José* muss neuen Reis besorgen, beschließt die Familie, doch wie an der Guerilla und den Soldaten vorbeikommen, die sich in dem kleinen Ort Puerto Lleras im Südwesten Kolumbiens erbittert bekämpfen? José mus es versuchen, die Familie hat Hunger und Durst. Es werden Stunden vergehen, bis der Vater endlich zurückkehrt, er wird Glück haben, noch dieses eine Mal.

Am nächsten Morgen laufen Soldaten von Tür zu Tür, sie haben von nun an im Dorf das Sagen. Alba Mendivelso klettert unter dem Tisch hervor, läuft durch die zerbombten Straßen, in einem halb ausgebrannten Hotel liegen eine Frau, ein Mann mit deren kleiner Tochter in einem der Zimmer, die verkohlten Füße ragen unter einem Bett hervor. Alba Mendivelso ist zwölf Jahre alt.

 

An diesem Morgen ist Alba Mendivelso in einem weißen Jeep in jene Dörfer gefahren.

Zwei Wochen lang roch es im Dorf nach Tod, erinnert sie sich heute an jenen Sommer 1999, sie saugt unwillkürlich Atemluft ein, schließt die Augen, als könne sie den Gestank noch immer wahrnehmen. Alba Mendivelso ist heute 30 Jahre alt, eine hübsche Frau mit hohen Wangenknochen, langen Haaren und einem ansteckenden Lachen, das vergessen lässt, was sie erlebt hat, was ihre Nachbarn und unzählige andere Menschen ertragen mussten in diesem mehr als 50 Jahre währenden Bürgerkrieg in Kolumbien.

 

Ein Krieg, in dem das Militär die Guerilla bekämpfte, vor allem die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, kurz Farc. Auch die rechten Paramilitärs, oft von den Streitkräften unterstützt oder geduldet, lieferten sich erbitterte Gefechte mit den Guerilleros. Mehr als 220 000 Tote hat der Konflikt gekostet, mehr als sechs Millionen Menschen mussten ihre Häuser oder Wohnungen verlassen, viele Kolumbianer gerieten zwischen die Fronten und wurden dort überrannt. Erst seit Beginn der Friedensverhandlungen im Jahr 2011 können die Opfer des Kriegs zur Ruhe kommen, nach Jahren voller Angst, Terror und Trauer.

Und fast scheint es, als hätten sie und andere Kolumbianer nur darauf gewartet, dass jemand sie nach ihren schrecklichen Erlebnissen befragt. Viele von ihnen reden hastig und lange, oft mehr für sich selbst als für den Zuhörer, als könnten sie sich so von ihren Erfahrungen lösen. Vor allem aber lachen sie. Sie lachen, wenn sie von ihrer Angst erzählen, sie lachen, wenn sie eigentlich weinen sollten, sie lachen, als könnten sie damit alle Dämonen der Vergangenheit vertreiben.

 

An diesem Morgen ist Alba Mendivelso in einem weißen Jeep in jene Dörfer gefahren, in denen sie gelebt und gearbeitet hat. Sie ist über ungeteerte Straßen voller Pfützen und durch roten Matsch gerast, in die Region Meta, südlich der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, hier wurde auch die entführte Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt einst gesichtet. Mendivelso arbeitet heute als Hilfskrankenschwester bei der internationalen Organisation Ärzte der Welt, sie fährt mit mobilen Einsatzteams aus Ärzten und Psychologen regelmäßig in die Gegend, um Menschen medizinisch zu versorgen und vor allem, um ihnen Mut zuzusprechen, ihnen Wege zu zeigen, sich nach Jahren des Terrors ein neues Leben aufzubauen. Ihre Arbeit zeigt, was an psychiatrischer Hilfe in den entlegenen Dörfern Kolumbiens bislang möglich ist, und was die Opfer des Bürgerkriegs eigentlich bräuchten. Wie ein traumatisiertes Volk heilen kann, können auch andere kriegsgeplagte Länder daraus lernen.

 

Mehr als zehn Prozent der Kolumbianer leiden an Depressionen oder Angststörungen, ergab eine Erhebung des Psychiaters Carlos Gómez Restrepo von der Universität Javeriana in Bogotá vor ein paar Monaten. Drei Prozent leiden an einem posttraumatischen Stress-Syndrom, fast drei Prozent haben versucht, sich das Leben zu nehmen.

Im kleinen Ort Costa Rica säumen gelbe, blaue, rote Häuser aus billigem Backstein und Wellblechdächern einen viereckigen Platz, auf dem Gehsteig sitzen zwei alte Männer schweigend auf roten Plastikstühlen, es ist sehr still und sehr heiß, in einem Laden baumelt die Kralle eines toten Adlers an einem Wollfaden von der Decke.

 

Susana Sánchez* betritt leichtfüßig das Geschäft, sie trägt ein sorgfältig gebügeltes weißes Polohemd, den dunkelblonden Zopf hat sie quer über den Kopf geflochten. Ihre weißen Zähne blitzen, ihre Augen ebenfalls, als sie in ihr Haus einlädt. Auf ihrem Esstisch aus Glas liegt eine offene Bibel, daneben drei Mangos, in der Kochecke tropft der Wasserhahn laut und eindringlich, woran sich aber niemand stört.

 

Susana Sánchez windet sich zunächst auf ihrem Stuhl, versteckt sich hinter einem strahlenden Lachen, bevor sie zu reden beginnt. Mit einer Psychologin von Ärzte der Welt habe sie lange gesprochen, erzählt die 34-Jährige schließlich. Dass sie stark sei und tapfer, habe die ihr gesagt, das wiederholt sie immer wieder, sie erzählt auch von dem Fußballturnier, das sie im vergangenen Jahr mit ihrer Frauenmannschaft gewonnen hat, der goldfarbene Pokal steht im Wohnzimmer. Den traumatisierten Menschen Mut zuzusprechen, sie ins Hier und Jetzt zurückzuholen, ist eines der großen Ziele der Psychologen.

Ihre Vergangenheit hat die junge Frau in ein weißes Stück Stoff eingewickelt, das sie erst auf Nachfrage hervorholt. Als Susana Sánchez den Knoten im Tuch löst, kommen alte Fotos in Plastikhüllen hervor. Sie hat die Bilder lange nicht angesehen, die von ihrem Mann Lorenzo* zum Beispiel, schlank, großer Schnurrbart und Cowboyhut, er besaß fünf Hunde, jagte in seiner Freizeit gern Gürteltiere.

 

Oben in den Bergen besaßen sie eine Baracke aus Wellblech und Holz, die sie liebevoll Finca nannten, dort bestellten sie große Coca-Plantagen, verdienten mit der Produktion von Coca-Paste gutes Geld. Bis drei vermummte Gestalten an jenem Sommertag auftauchten und eine angeblich ausstehende Coca-Lieferung einforderten. Um zehn Uhr hörte Susana Sánchez die Schüsse, an jenem 22. August 2006. Die rechten Milizen hatten ihren Mann erschossen, den Leichnam nahmen sie einfach mit.

Von dem Lärm aufgeschreckt, verbarg sich die junge Frau mit ihrem Sohn unter dem Herd ihrer Küche, gleich neben dem tropfenden Wasserhahn. Nachbarn warnten sie, dass die Milizen nach ihr suchten, sie beschloss, das Dorf sofort zu verlassen. Drei lange Jahre sollte sie nicht zurückkehren können, zu gefährlich war die Gegend für sie geworden. Dem fast dreijährigen Sohn sagte sie, dass der Vater nun im Himmel sei, wann er von dort zurückkäme, fragte das Kind, dann erst überfiel sie der Schmerz. Susana Sánchez fängt auch im Gespräch an zu weinen, springt auf, holt sich ein Handtuch, lacht, als sie sich das nasse Gesicht abwischt. Was ihr damals half? Einfach weiterzumachen, zu arbeiten, zu leben für ihren Sohn.

 

Sie tun, was sie können, die Psychologen und Ärzte, wenn sie in den Dörfern im Einsatz sind. Doch können sie die Orte höchstens zweimal im Jahr besuchen, zu viele Menschen warten auf Hilfe. Viele Dorfbewohner klagen zunächst über Rückenschmerzen oder Schlafstörungen, erst im Gespräch stellt sich heraus, dass die körperlichen Beschwerden nur Symptome ihrer verletzten Psyche sind. Denen, den es besonders schlecht geht, verschreibt die Psychologin Paola D’Vera Antidepressiva, per Telefon versucht sie ihre Patienten dann weiter zu begleiten.

„Viele Menschen müssen wieder lernen, soziale Beziehungen aufzubauen“

Als die 38-Jährige für Ärzte der Welt in den Dörfern zu arbeiten begann, fühlte sie sich zunächst wie gelähmt, sie nahm vor lauter Kummer im ersten Jahr zehn Kilogramm zu. Bis sie begriff, dass sie etwas tat, was für die Menschen ganz entscheidend war: „Wir hören ihnen zu, das ist enorm wichtig“, sagt die Psychologin. In Costa Rica wie in anderen Dörfern haben sie Gruppentherapien organisiert. Um die Menschen nicht abzuschrecken, nennen sie die Treffen Workshops, dort können die Betroffenen über ihre Erlebnisse berichten, können ihre Erinnerungen zeichnen, für viele ist es das erste Mal. Dort merken die Teilnehmer plötzlich, dass andere Ähnliches erlebt haben, dass ihre Sorgen und Ängste völlig normal sind. Gemeinsam können sie sich an die Opfer erinnern, in einem Dorf haben die Bewohner auf einer Brücke eine Gedenktafel angebracht, unweit von Einschusslöchern.

 

In ihren Workshops redet Paola D’Vera viel darüber, was einen Menschen stark macht, was eine Dorfgemeinschaft zusammenwachsen lässt. Jahrelang nämlich traute keiner dem anderen, nicht dem Nachbarn, nicht der Polizei, dem Militär oder den Politikern schon gar nicht. „Viele Menschen müssen erst wieder lernen, soziale Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu fassen, nach einem so lang andauernden Konflikt“, erklärt die Gesellschaftswissenschaftlerin Elisabeth Rohr von der Universität Frankfurt, die nach dem Bürgerkrieg in Guatemala Sozialarbeiter, Therapeuten und Opfer in vielen Projekten wissenschaftlich begleitet hat.

 

Marco Suárez* zum Beispiel hat inzwischen 30 Hektar Land mit Kaffee und Kakao in der Nähe des Dorfs Santo Domingo bepflanzt. Gerade haben sie auch mit dem Anbau von Bananen begonnen, berichtet der 28-jährige Mann, er hat Narben im Gesicht und raue Hände. Einen Verein hat er gegründet, vor zwei Jahren schon, für die Opfer des bewaffneten Konflikts, die nicht länger Opfer sein wollen, die miteinander Projekte entwickeln wollen. Vor allem das können Paola D’Vera und ihre Kolleginnen den Dorfbewohnern auch mitgeben: dass sie nicht mehr allein sind.

 

Die Menschen müssen erst wieder lernen, Vertrauen zu fassen

Jahrelang waren die Dörfer nämlich von der Welt abgeschnitten, die Landstraße in die nächste Stadt war lebensgefährlich, die Farc-Guerilla hielt Linienbusse an, zwang alle Passagiere auszusteigen, brannte dann die Fahrzeuge aus. Fast nie ließ sich in dieser Gegend ein Politiker blicken, die Bewohner waren der Willkür von Guerilla und paramilitärischen Milizen ausgeliefert. Bis heute muss das Einsatzteam von Ärzte der Welt manchmal acht Tage lang mit dem Kanu Flüsse hinabfahren, um überhaupt an seinen Zielort zu gelangen. Straßen gibt es oft nicht. Wer also in diesen Dörfern früher die Macht übernahm, musste den Staat nicht fürchten.

Manche Menschen in der Region Meta konnten jahrelang ihre Dörfer nicht verlassen, weil sie befürchten mussten, auf den Landstraßen entführt oder erschossen zu werden. (Foto: Jorge Panchoaga)

Im Heimatort von Alba Mendivelso ging der Terror so weit, dass die Paramilitärs eines Tages alle Dorfbewohner am Sportplatz versammelten, schwarz vermummte Gestalten in Stiefeln umzingelten die Bewohner und lasen aus Listen Namen von Nachbarn, Freunden, Verwandten vor, die sie aus der Menge fischten und verschleppten. Wie böse Geister kehrten die Milizen alle paar Wochen in den Ort zurück, erschossen ein paar Dorfbewohner und entführten andere. Wann sie wieder kommen, wen sie mitnehmen würden, konnte niemand vorhersagen. „Wir waren ihnen völlig ausgeliefert“, sagt Alba Mendivelso kopfschüttelnd, und ja, sie lacht.

 

Die Hilfskrankenschwester fand später im Dorf El Piñal Zuflucht. Auch dort hält das Einsatzteam mit dem Jeep an, Mendivelso läuft die Straße hinunter, in der sie einst wohnte, direkt über einer Bäckerei. „Se vende“, zu verkaufen steht an einigen Gebäuden, viele Türen sind mit Vorhängeschlössern versehen, das obere Stockwerk eines Cafés ist ausgebrannt, in der Seitenwand klafft ein Loch. Die Vordächer aus Wellblech hängen schief herab, hier wohnt niemand mehr. Die Straße windet sich hinab zum Flussufer, fast meint man die Geister der Straßenhändler zu sehen, von denen es hier einst wimmelte. Aber längst gibt es hier nichts mehr zu kaufen, zu lange haben sich die Guerilla und das Militär auf beiden Seiten des Flusses bekämpft, viele Bewohner verließen den Ort, zogen in die nahe gelegenen Städte oder in die Elendsviertel von Bogotá.

 

Seit dem Friedensabkommen kehren die Bewohner nur langsam in ihre Dörfer zurück, noch misstrauen viele der Waffenruhe. „Der Prozess beginnt erst jetzt“, sagt die Psychologin Mariluz González, die den Kolumbianern auch einen Ort bietet, um ihre Traumata zu verarbeiten, im Museum Casa de la Memoria, dem Haus der Erinnerung in Medellín. Elfenhaft blass, schmal und sehr konzentriert berichtet die Forscherin, dass sie Ursachen und Folgen des Konflikts analysieren möchte, die Erinnerung an das Geschehene sichtbar machen, Menschen sprechen lassen, die bisher ungehört blieben.

 

Selbst die Politiker kümmerten sich jahrelang nicht um die Opfer

Ähnlich wie das Team von Ärzte der Welt in den Dörfern rekonstruiert die Psychologin Mariluz González in Medellín die Erinnerungen der Menschen, sammelt sie, ordnet sie ein, gießt sie in Kunst, um die Gefühle der Betroffenen für die Besucher des Museums erfahrbar zu machen. Noch wissen Kolumbianer in den Großstädten zu wenig darüber, was auf dem Land geschehen ist. „Leider glauben viele meiner Freunde, dass der bewaffnete Konflikt sie nichts angehe, dass der weit entfernt sei“, berichtet Paola D’Vera von Ärzte der Welt.

 

Selbst kolumbianische Politiker befassten sich lange nicht mit den Opfern. Unter dem Präsidenten Álvaro Uribe wurde 2005 sogar ein Gesetz zur Entwaffnung der Guerilla und der paramilitärischen Milizen erlassen, das die Opfer weitgehend ignorierte. Aktivisten mussten erst vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, damit die Opfer im Gesetz erwähnt wurden.

 

Inzwischen sind Menschen wie Elisa Gómez* aus dem Dorf Santo Domingo als Opfer des Konflikts anerkannt, sie soll daher für jedes tote Familienmitglied einmalig eine Entschädigung erhalten, davon hat die 42-Jährige allerdings bis heute nichts gesehen. Die schwarzen Haare hochgesteckt, das Gesicht sorgfältig geschminkt, legt sie ihren großen Sonnenhut aus Stroh auf einen Tisch, sie müsse kurz nachdenken, sagt Elisa Gómez lächelnd, hat sie doch in ihrem Leben so viele Mitglieder ihrer Familie verloren, dass sie mit den Jahreszahlen und Namen durcheinander- kommt. Zwei Brüder, zwei Schwäger, ihr Ex-Mann, ihr Neffe wurden von der Guerilla und den Paramilitärs umgebracht. Sie stockt, fragt sich, ob sie noch jemanden vergessen hat. Nervös reibt sie sich die Stirn, sie lacht und weint jetzt im Wechsel. Einer ihrer Brüder verschwand vor 20 Jahren, sie weiß bis heute nicht, was mit ihm geschah.

Elisa Gómez (Name geändert) hat soviele Menschen aus ihrer Familie verloren, dass sie mit den Namen und Sterbedaten durcheinander kommt. (Foto: Jorge Panchoaga)

Sie wird erst Frieden finden, wenn sie erfährt, was geschehen ist. „Das ist enorm wichtig für die Trauerarbeit“, sagt die Psychologin Mariluz González aus Medellín. Darum wird sie in den nächsten Monaten mit weiteren Forschergruppen in verschiedene Gegenden des Landes fahren, recherchieren, was dort geschehen ist. Rechtsmediziner heben derzeit Massengräber aus, versuchen, die menschlichen Überreste den Verschwundenen zuzuordnen. Bald sollen sie im ganzen Land Gräber öffnen.

 

Zu Zeiten des Konflikts war ein Leben rasch vertan, wenn jemand dem Nachbarn ein Huhn gestohlen hatte, brachte der ihn dafür um. Dass sich Konflikte auch anders lösen lassen, Aggression nicht automatisch in Gewalt münden muss, haben viele Kolumbianer nie lernen dürfen. „Die Zahl der Gewalttaten und Missbrauchsfälle wird stark ansteigen“, sagt die Forscherin Rohr. Dort seien nach Ende des bewaffneten Konflikts mehr Menschen gestorben als während der Auseinandersetzungen, sagt Rohr. Schon im Herbst 2016 warnte das Internationale Rote Kreuz, dass die schrecklichen Erfahrungen der Kolumbianer zu neuer Gewalt führen können, auch in Friedenszeiten.

 

In den kolumbianischen Dörfern der Meta-Region hat die Zahl der Diebstähle und Schlägereien der Bewohner untereinander bereits zugenommen, Alba Mendivelso und ihre Kolleginnen sehen drei bis fünf Fälle von sexuellem Missbrauch pro Tag. Oder Fälle wie den jenes Mädchens, das zum Schwangerschaftstest kam, mit blauem Fleck am Hals und zitternd. Als der Test positiv ausfiel, zitterte es noch mehr, erzählte, dass sein Freund sie schlug, die Kinder schlug, dass er ihr das Handy weggenommen hatte, dass er ihr nicht erlaubte, das Dorf zu verlassen, obwohl sie eigentlich nur ein paar Wochen bleiben und dann zu ihren Eltern zurückkehren sollten.

 

Honorarpflichtig (Rechnung) fürs WISSEN am WOE

In der Straße des Dorfs El Piñal wimmelte es früher von Händlern – heute lebt hier niemand mehr. (Foto: Jorge Panchoaga)

Sie waren schon mehr als drei Monate im Ort. Die Helfer gaben dem Mädchen 50 000 Pesos und sprachen ihm Mut zu, bald mit dem Bus in die nächstgrößere Stadt zu fliehen. „Viele der Opfer müssen aber noch lernen, dass Gewalt nicht etwas ist, was Menschen natürlicherweise widerfährt“, sagt Soledad Díaz, Koordinatorin von Ärzte der Welt in Kolumbien.

 

Daher ist es für die Landbevölkerung enorm wichtig, wenn in einem der wenigen Gerichtsverfahren Guerilleros oder Paramilitärs zu Haftstrafen verurteilt werden. Zwei Anführer der Farc etwa wurden zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt, für den Angriff auf das Dorf Puerto Lleras, den Alba Mendivelso als Kind miterleben musste.

 

Noch weiß niemand, ob tatsächlich Frieden einkehren wird. Am Vorabend haben Unbekannte Flugblätter in den Dörfern der Region verteilt. Abtrünnige Gruppen der Farc rufen dazu auf, sich dem Friedensabkommen zu verweigern. In einem Dorf nimmt ein Mann Alba Mendivelso kurz zur Seite. Er wird ihr berichten, dass seit ein paar Wochen paramilitärische Milizen jeden Sonntag durchs Dorf laufen. Die Angst geht wieder um in den Dörfern, der Frieden scheint plötzlich sehr fern zu sein. * Namen geändert

 

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des European Journalism Centre über sein Global Health Journalism Grant Programme umgesetzt. Mitarbeit: Olga Guerrero

 

 

 

 

 

Globale Gesundheit

Zahl der Diabetiker steigt weltweit drastisch an

  • Die Zahl der Diabetiker hat sich in den vergangenen 35 Jahren weltweit vervierfacht. Am stärksten ist der Anstieg in den Entwicklungs- und Schwellenländern.
  • Die geringsten Diabetes-Raten verzeichnen die Nachbarländer Deutschlands. Die Bundesrepublik hinkt ihnen hinterher.
  • Das Ziel, die Zunahme der Krankheit bis 2025 zu stoppen, ist in weite Ferne gerückt.

Von Berit Uhlmann

Es ist ein Ausmaß, das nur wenige Krankheiten erreichen. 422 Millionen Menschen weltweit sind von der Stoffwechselkrankheit Diabetes betroffen. Die Zahl der Erkrankten hat sich in den vergangenen 35 Jahren vervierfacht. Zu diesem Ergebnis kommen zwei große Analysen: ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO und eine Studie eines internationalen Forscherteams im Fachblatt The Lancet.

Die Zahl geht zum Teil auf das Bevölkerungswachstum und die alternde Bevölkerung zurück. Doch auch steigendes Übergewicht hat zu dem dramatischen Anstieg geführt, sagt Majid Ezzati vom Imperial College London und Hauptautor des Lancet-Artikels. Diese Zunahme gilt für beinahe alle Staaten der Welt. Kein einziges der 200 untersuchten Länder meldet einen substanziellen Rückgang der mitunter tödlichen Erkrankung.

Die Wahrscheinlichkeit, die weltweite Zunahme von Diabetes zu stoppen, beziffern die Forscher als kleiner als ein Prozent. Dabei hatte sich die Welt zum Ziel gesetzt, den Vormarsch der Zuckerkrankheit bis 2025 aufzuhalten. Stattdessen werden in zehn Jahren vermutlich mehr als 700 Millionen Menschen zuckerkrank sein.

Erfreuliche Ergebnisse verkünden Deutschlands Nachbarländer

Die Zahlen belegen, dass Diabetes längst nicht mehr nur ein Problem in Industrienationen ist. Im Gegenteil: In dem zurückliegenden Jahrzehnt ist der Anteil der Zuckerkranken unter den Einwohnern von Entwicklungs- und Schwellenländern am schnellsten gestiegen. Heute verzeichnen die Inseln Polynesiens und Mikronesiens den höchsten Anteil von Diabetikern in der Bevölkerung. Jeder fünfte Einwohner leidet an der Zuckerkrankheit.

Nie waren die Menschen dicker als heute

Erstmals leben weltweit mehr übergewichtige als untergewichtige Menschen. Der Kampf gegen die Fettleibigkeit könnte ausgerechnet den Menschen schaden, die Hunger leiden. Von Felix Hütten mehr …

Die besten Ergebnisse verkünden Deutschlands Nachbarländer. Am unteren Ende des Rankings liegen die Schweiz, Österreich, Belgien, die Niederlande und Dänemark. In diesen Ländern sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung an Diabetes erkrankt. Deutschland hinkt diesen Werten hinterher; mit einer Rate von 7,4 Prozent liegt es nahe am weltweiten Durchschnitt von 8,5 Prozent.

Die WHO bewertet die Daten als Alarmsignal. Ein Problem dieses Ausmaßes kann keine Einzelmaßnahme eindämmen, schreibt die Behörde. Stattdessen fordert sie von ihren Mitgliedsstaaten einen umfassenden Ansatz, der weit über den Medizinsektor hinausgeht und auch Bildungswesen, Stadtplanung und Steuersystem einbezieht. Als positives Beispiel nennt die Organisation die Zuckersteuer, die Mexiko vor zwei Jahren eingeführt hat. Seither trinken die Mexikaner etwa 12 Prozent weniger Süßgetränke.

Die schlechte Versorgung mit Medikamenten kann Leben kosten

Majid Ezzati kommentiert: „Übergewicht ist der größte Risikofaktor für Typ-2-Diabetes. Alle Versuche, die steigenden Raten zu kontrollieren, hatten bislang keinen Erfolg“. Er plädiert dafür, Menschen mit hohem Diabetes-Risiko frühzeitig zu untersuchen und zu behandeln.

Doch auch diese Möglichkeit scheint wenig realistisch, wenn man sich die Versorgungslage in den Entwicklungsländern ansieht. Nur in der Hälfte dieser Staaten haben die Menschen regelmäßigen Zugang zu Blutzuckermessungen. In lediglich 23 Prozent aller Entwicklungsstaaten haben die Einwohner die Chance, problemlos Insulin zu erhalten. Wenn es überhaupt verfügbar ist, ist es meist teurer als in den reichen Ländern.

Die schlechte Versorgung mit Medikamenten kann Leben kosten. Im Jahr 2012 gingen weltweit 3,7 Millionen Todesfälle direkt oder indirekt auf die Zuckerkrankheit zurück. Viele davon, so die WHO, wären vermeidbar gewesen.